Burgrain - der "dritte Ortsteil" von Garmisch-Partenkirchen 1939-1989

 


Katholische Pfarrgemeinde St. Michael

 „Beschütze deine Kirche auf dem Weg durch die Zeit... "Diese Bitte aus dem dritten Hochgebet für die Eucharistiefeier drückt aus, worauf der Akzent dieses Beitrages über die katholische Pfarrgemeinde St. Michael liegen soll:

Kirche unterwegs. Dieses Unterwegssein geschieht immer aus einer Vergan­genheit heraus, hat eine „Herkunft". Dies wird an anderer Stelle dieser Fest­schrift dargestellt, wobei sich eindrucksvoll die altbekannte Redewendung von der „Kirche im Dorf" bewahrheitet. Von Anfang an war die „Kirche" dabei, hatte sie ihren festen Platz im werdenden neuen Ortsteil der Marktgemeinde in den Christen beider Konfessionen. Sichtbarer Ausdruck war das bescheidene Got­teshaus, das 1947 unter schwie­rigen Bedingungen geschaffen wurde und das auch den evangelischen Mitchristen zur Verfügung stand.

An seine Stelle trat dann die heutige Pfarrkirche, seit nunmehr 26 Jahren Mittel­punkt für die katholi­sche Pfarrgemeinde. „Kirche und Dorf", gemeint ist jenes Ineinander von „Kirche und Welt" im kleinen, überschaubaren Bereich, jene Le­bensgestaltung aus den Kräften des Glaubens, begründet im Welt­auftrag der Christen, zeigt sich auch mit dem Zusammentreffen von „50 Jahre Burgrain" mit „1250 Jahre Bistum Freising", dem Vorgängerbistum der heutigen Erzdiözese München und Freising. 739 gründete der hl. Bonifatius das Bistum Freising gleichzeitig mit den Bistümern Passau, Regensburg und Salzburg. 1939 wurde die Burgrainsiedlung begründet am Fuß des Burgberges, dem Sitz der Pfleger des Freisinger Fürstbischofs, war doch die „Grafschaft Werdenfels" nicht nur Teil der Freisin­ger Diözese, sondern gehörte politisch zum Hochstift Freising, mit dem Bischof auch als Landesherrn. Das „Burgrainjubiläum" befindet sich also in guter „kirchlicher Gesellschaft".

„. . . und auf dem Weg durch die Zeit..." Eine Pfarrgemeinde von heute, wie geht sie diesen Weg, der sie nur noch ein gutes Jahrzehnt von der Schwelle zum 3. nachchristlichen Jahrtausend trennt, wie erfüllt sie ihre Aufgabe als Kirche hier am Ort?

Wer das „Heute" der Kirche verstehen und aktualisieren will, muss immer wieder zurückschauen auf das „Gestern", auf den Anfang, nicht, um von der Vergangen­heit zu träumen, sondern aus ihren Wur­zeln die Kraft des Glaubens heute zu ak­tualisieren. Für die Kirche kann dieser „Wurzelboden" nur ein biblischer sein, ge­nauer gesagt jedes Buch des Neuen Testamentes, das unter dem Namen „Apostel­geschichte" als zweiter Teil des lukanischen Doppelwerkes Aufschluss gibt über das Werden der jun­gen Kirche. Dieses zweite Werk des Lukas ist deshalb do bedeut­sam, weil er als einziger unter den Evangelisten neben seinem Evangelium den An­fang der Kirche „auf dem Weg durch die Zeit" darstellt. Diesen Anfang schildert die Apostelgeschichte in Kap. 2 zunächst mit der uns allen vertrauten Pfingstgeschichte und der sich anschließenden kurzen Schilderung des Gemeindelebens (Apg 2,1-13 und 42-46). Es handelt sich um eine ausgesprochene „Anfangsgeschichte", die nicht nur beschreibt, was am Anfang geschehen ist, sondern wie das Folgende zu verstehen ist. In der ersten Schilderung des Gemeindelebens werden die vom Geist Gottes gewirkten, entscheidenden Elemente kirchlicher Wirklichkeit bis heute aufgezeigt. Man spricht auch von den „Grunddiensten" der Pfarrge­meinde als Kirche am Ort.

Liturgia, die Feier des Gottesdienstes, vornehmlich der hl. Eucharistie. Hier entsteht jene „Communio" (=Gemeinschaft) der Glaubenden mit Christus und untereinander, die immer neu die Kirche baut. Kirche ohne Gottesdienst als ih­rer Mitte verliert die Dimension des Ewigen, die ihr von ihrem Ursprung in Jesus Christus her eingestiftet ist, lässt vergessen, dass sie zwar in, aber nicht von die­ser Welt ist und macht sie zu einer gesellschaftlichen Institution unter vielen. Li­turgia, das ist die Nabe des Spei­chenrades, der „ruhende Punkt", von dem aus sich alles bewegt. Hier ist das „Zentrum" der Pfarrge­meinde. Hier haben neben dem Dienst des Pfarrers Dienste ihren Ort wie Ministranten und Lektoren, Mes­ner, Organist und Kirchenchor, die Sorge um den Schmuck und die Sauberkeit des Gotteshauses.

Martyria = Zeugnis, wie das griechische Wort lautet, Zeugnisgeben für das Wort Gottes. Dieser „Glau­bensdienst wird in vielfältiger Form geleistet. Durch die El­tern im christlich geprägten Familienleben, durch den Pfarrkindergarten, die Er­teilung des Religionsunterrichtes in der Schule, die Hinführung der Kinder und Jugendlichen zur Erstkommunion und Firmung in Gruppen, Dienste, die von Laien der Pfarrgemeinde unter Anleitung des Pfarrers ehrenamtlich geleistet werden. Hier hat auch die Jugend­arbeit ihren Platz, die Glaubensgespräche mit Eltern im Rahmen der Sakramentsvorbereitung, der Bibelkreis mit der gemein­samen Lesung der Heiligen Schrift. Was unseren Gemeinden in diesem Bereich spürbar fehlt, ist das „Glaubensgespräch", der gegenseitige Austausch in Glau­bensfragen. Wir organisieren und reden (fast) über alles, nur in Fragen des Glau­bens sind wir teilweise erschre­ckend „sprachlos".

Diakonia, wörtlich „Dienst", wie das ebenfalls griechische Wort lautet, latei­nisch Caritas, im Sinne von „Bruderdienst". Die Kirche muss „geschwisterliche" Kirche sein des gegenseitigen Füreinander Da­seins, in der Sorge für Kranke, Alte, Einsame, Nachbarschaftshilfe, Krankenbesuchsdienst. Dieser Grund­dienst müsste noch viel mehr von den Pfarrgemeinden erkannt und praktiziert werden. Wo er geleistet wird ohne Rückbindung an die „Liturgia", den Gottes­dienst, verkommt er zur rein innerweltli­chen Humanität im Sinne von „Seid nett zueinander".

Im Bereich dieser drei Grunddienste hat als Gremium verantwortlicher und ak­tiver Laien der Pfarrge­meinderat seinen wichtigen Platz. Nun ist, wie schon gesagt, die Kirche zwar nicht von, wohl aber in dieser Welt. Sie bedarf des Irdischen zur Erfüllung ihrer Aufgaben in ihrer Sorge um den ganzen Men­schen und nicht nur um sein Seelenheil. So schreibt der hl. Paulus im ersten Brief nach Korinth in Kap. 16 von einer Geldsammlung für die ver­armte Gemeinde von Jerusalem (1 Kor 16.lf). So spricht man auch von einem vierten Grunddienst, dem Sachdienst mit seiner Sorge um das „Zeitliche" (lat. „temporalia"). Die Kirche benötigt Gebäude (Kirche. Pfarrheim. Kindergarten), sie muss hauptamtliche Angestellte bezahlen. Haushaltspläne und Rechnungs­abschlüsse erstellen, eben die Finanzen in Ordnung halten. Wir in Bayern ha­ben hier das unübertreffbar kurze Wort „das Sach" zusammenhalten. In diesem Bereich hilft verantwortlich mit die Kirchenverwaltung als Rechtsgremium der Pfarrge­meinde und in einer unverzichtbaren Weise unser Pfarrbüro mit der Pfarrsekretärin.

„Auf dem Weg durch die Zeit", d. h. aus der Vergangenheit kommend in der Ge­genwart stehend in die Zukunft gehend, dem wiederkommenden HERRN entgegen. Die Fronleichnamsprozession, bei der wir unterwegs sind mit dem im Sakrament gegenwärtigen HERRN auf den Straßen der Gegenwart bringt dies zum Ausdruck, aber auch das Radfenster, das seit dem 7. Oktober 1987 die Westfassade der Pfarrkirche ziert. Der Künstler beschreibt sein gelungenes Werk u.a. wie folgt: „Die Gestalt des Rades hat bereits Bedeutung. Der Radkranz stellt die Zeit dar in Vergangenheit, Gegenwart und Zu­kunft. . .".

Auch wenn unsere Pfarrgemeinde teilhat am allgemeinen Schwund der Glau­benskraft unserer Zeit - wir gehen voll Zuversicht unseren „Weg durch die Zeit", wissen wir uns doch gehalten und begleitet von dem, der die Mitte ist: JESUS CHRISTUS. Auf diese Mitte weist der fünfstrahlige Stern in der Mitte unseres Radfensters hin.
 

Rudolf Ettenhuber, Pfarrer (1989)


Text aus:
50 Jahre Burgrain – 1939 / 1989 – „Von der Siedlung am Farchanter Gröben“ zum „Dritten Ortsteil“ von Garmisch-Partenkirchen – Eine Chronik - S.40ff


 

 

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