Burgrain - der "dritte Ortsteil" von Garmisch-Partenkirchen 1939-1989

 


Christen in der Diaspora

 

507 evangelische Christen leben in Burgrain, sagt der Computer in München. Ob diese EDV-Anlagen aber immer recht haben? Zumindest sind mehr als 25 % davon 65 Jahre und älter. Und wahrschein­lich dürften höchstens 20 % der Bur­grainer evangelisch sein - Christen in der Diaspora.

Aber was heißt „Diaspora"? Das Lexikon übersetzt es mit „Zerstreuung". Das Wort kam auf für die außerhalb Israels lebenden Juden. Heute gebraucht man es im allgemeinen für jene Konfession, die in der Minderheit lebt.

Und das gilt nun mal wirklich für die evangelischen Christen Burgrains. Und weil sie so wenig sind, haben sie auch keinen Pfarrer nur für sich. Zu seinem Sprengel gehören noch Farchant und Oberau. Aber er wohnt wenigstens im 1976 erbauten Pfarrhaus neben der Friedenskirche in Burgrain. Und doch ist dieses Pfarrhaus kein offizielles Pfarramt - der Pfarrer von Burgrain ist offiziell der „2. Pfarrer von Partenkirchen". Diese Regelung gibt es in der katholischen Kirche nicht. In einer evangeli­schen Kirchengemeinde kön­nen mehrere Pfarrer gleichberechtigt tätig sein. Der 1. Pfarrer hat dabei das Pfarramt zu leiten mit all dem vielen, sehr beliebten Verwaltungskrieg (wir leben in Deutschlands Bürokratie!) und den Vorsitz im gewählten Kirchenvorstand. Ein Kirchenvorstand entspricht ganz grob der Kirchenverwaltung + Pfarrge­meinderat in der katholischen Pfarrgemeinde. Der 1. Pfarrer ist aber kein Vorge­setzter der übrigen Pfarrer.

So spielt sich auch ein Großteil des Gemeindelebens der gesamten Kirchenge­meinde in Partenkir­chen ab. Dort wurde hierfür auch das geräumige Gemein­dehaus gebaut. Burgrain hat eine Mehr­zweckkirche, wie sie in den 70er Jahren oft gebaut wurde, d. h. Kirche und Gemeinderaum hängen zusammen und kön­nen jeweils auch gemeinsam benutzt werden. Dadurch konnte sich neben Par­tenkirchen auch ein kleines selbständiges Gemeindeleben entwickeln, was sich in der Jugendarbeit bemerkbar machte und in regelmäßigen Senioren-Nach­mittagen.

Vielleicht gelingt es, in Zukunft dieses Leben zu aktivieren. Gedacht ist z. B. an einen Gesprächs­abend für alle mit aktuellen Themen - wie könnte man dieses Kind aber nennen? Auch die Jungschar­arbeit soll wieder aktiviert werden.

Christen in der Diaspora - vielleicht haben evangelische Christen in unserer Gegend einen Vorteil: Sie kennen diese Diasporasituation, in der sie auch manchmal bei offiziellen Angelegenheiten einfach übersehen werden, wo nur vereinzelt bewusst evangelische Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit wir­ken, wo evangelische Kinder im Unterricht allein aus technischen Gründen (Jahr­gänge müssen zu­sammengelegt werden) nur Randstunden als Religionsunter­richt zugeteilt bekommen, wo das All­tagsleben wahrhaftig nicht vom evangeli­schen Glauben geprägt ist usw.

Wieso aber soll dies ein Vorteil sein? Schauen wir in unsere Zeit. Steuert nicht die ganze Christenheit in Deutschland auf eine Diasporasituation zu bzw. lebt nicht schon in der Diaspora? Andere Dinge bestimmen ganz wesentlich unser Leben, angefangen vom Fernseher bis hin zum Gelderwerb. Christ­licher Glaube wird dabei höchstens als „Wort zum Sonntag" wahrgenommen, wenn er auch in Wirk­lichkeit noch stärker vorkommt.

Wenn Christen beider Konfessionen diese ihre Diaspora erkennen und anneh­men, werden sie fast automatisch stärker zusammenrücken, sie werden leben­dige Ökumene erleben. Und gerade so kön­nen sie gemeinsam das Leben eines Ortes wie z. B. Burgrain als Christen mitgestalten. Diesen Christen gilt das Wort Jesu aus der Bergpredigt: „Ihr seid das Salz der Erde".

 

Joachim Cunradi, Pfarrer - 1989


Text aus:
50 Jahre Burgrain – 1939 / 1989 – „Von der Siedlung am Farchanter Gröben“ zum „Dritten Ortsteil“ von Garmisch-Partenkirchen – Eine Chronik - S.40ff

 

 

 

 

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