Wilhelm Balmer, Partenkirchen war in jener Zeit noch recht abgelegen

 

 

Der Basler Maler und Portraitist Wilhelm Balmer (1865-1922) besuchte von 1884 bis 1889 die Kunstakademie in München. Dort lernte er den Lithographen Ernst Kreidolf kennen, der sich aus gesundheitlichen Gründen mehrere Jahre in Partenkirchen niedergelassen hatte. Balmer besuchte Kreidolf mehrfach in seiner Werdenfelser Wahlheimat. Beide liebten die Berge, den kleinen Markt und seine Bewohner, wanderten im Wettersteingebirge, spazierten durch Straßen und Gassen des Marktes Partenkirchen, saßen in seinen Gasthöfen und hielten ihre Eindrücke mit Worten und Farben fest. Wilhelm Balmer erinnert sich in seinen autobiographischen Schriften an die Zeit zwischen 1886 und 1888 in Partenkirchen:
 

"Als das Sommersemester 1886 zu Ende war, forderte mich Frau Freimüller auf, für einen Frankfurter in Partenkirchen eine Landschaft zu malen. Ich nahm die Sache sehr ernst, erstens, um den Auftrag auszu­führen, zweitens, um etwas zu verdienen, und ich ging für zwei bis drei Wochen dorthin, und dieser Auf­enthalt war indirekt die Veranlassung zu meiner spätem Heirat. Es war eine seltsame und doch ganz ein­fache Verkettung von Umständen, wie etwa ein Murmeltier eine Lawine verursacht. Ich verzichte darauf, die Kette zu nennen, aber damals entschied sich mein Schicksal — es konnte gar nicht anders kommen.

Partenkirchen war in jener Zeit noch recht abgelegen. Man fuhr drei Stunden Eisenbahn bis Murnau, süd­lich von München, und ging dann fünf Stunden zu Fuß oder vier Stunden mit der Post bis Partenkirchen. Freimüller war früher Lehrer an der Schnitzschule in Partenkirchen gewesen, und seine Frau empfahl mir also ein Wirtshaus, die Metzgerei Pischl. Dort nistete ich mich ein. Den alten Pischl sah man nie, seine Gattin schielte ein wenig, war aber eine frische ansehnliche Frau, die am Sonntag mit ihrer riesigen Pelz­haube stattlich zur Kirche ging. Es war noch ein Sohn in der Metzgerei und ein artiges blondes Töchter­lein, Martine, die servierte. Rings waren die schönsten und verschiedensten Ausflüge zu machen: leicht ersteigliche Höhepunkte mit Wirtschaften oder Sennhütten, Gebirge aller Art, Hochturen auf die Zugspitze. Man konnte sozusagen jeden Tag was ganz Neues unternehmen, einfach ein idealer Ort, noch ganz bäu­erlich. Nur ein größerer Gasthof war da, wo etwa der Prinzregent beim Jagen abstieg. Es war besonders eine Klamm, eine Schlucht, durch die man auf schmalen angehefteten Brettern wandern konnte, welche mir imponierte, und die ich als Sujet für mein Bild wählte. Ich verwechselte nämlich das Romantische der Felsbildung mit der Bildwirkung. Um aber dem Besteller zwei Sachen zur Auswahl vorzulegen, malte ich noch die Zugspitze mit der Kirche von Garmisch im Vordergrund.

Garmisch ist das nächste Dorf. Heute sind Garmisch und Partenkirchen wie Interlaken voll von Buden und unausstehlichem Fremdenverkehr. Die beiden Bilder sind später von dem Frankfurter nicht angenommen worden, zu meiner größten Enttäuschung. Aber das Schicksal hatte mir offenbar alles so bestimmt und unter anderm auch folgendes:

Ich traf in Partenkirchen als Lehrer an der Schnitzschule einen Studienkameraden aus der Hacklschule, Godron, einen Rheinländer aus der Pfalz, der ein großer vollblütiger, etwas ruppiger, aber übersprudelnd lebensfroher Mensch war. Nun war der Besuch des Prinzregenten angesagt. Godron sollte ihm die Schnitzschule zeigen und hoffte, bei dieser Gelegenheit als Zeichenlehrer nach München berufen zu werden. Er freute sich dermaßen, daß er ganz aufgeregt wurde und in der Nacht vor dem Besuch einen Blutsturz bekam. Ich ging hin und fand ihn umgeben von jammernden Weibern und dem Doktor, der Zu­trauen zu mir faßte, die Weiber fortjagte und mir die Pflege überließ. Godron lag da wie tot; alles voll Blut, und ich mußte ihm fortwährend Eisstücke in den Mund geben und Eis auf den Kopf legen und die Weiber fernhalten. Er konnte nicht reden und sich nicht bewegen, hörte aber all das dumme Geschwätz. Ich war drei Tage und drei Nächte bei ihm, ohne zu ruhen. In der dritten Nacht erfolgte ein noch heftigerer Blut­sturz, und er keuchte, ich solle den Doktor holen, er sterbe. Ich rannte hinaus. Das Totenglöcklein läutete just an der Kirche — aber für jemand anders — und ein Serviermädel vom Gasthof hielt mich fest und heulte, denn sie liebte Godron und gab mir alles, was sie von Wäsche hatte, für ihn. Der Doktor schaute zum Fenster hinaus und vertröstete mich bis zum Morgen. Ich kehrte zurück und hielt den Kranken so gut wie möglich. Aber dann erholte er sich allmählich. Mit seinem Bruder, der von Norddeutschland kam, fing er Streit an, und ich mußte ihn wieder fortspedieren. Godron war gegen alle barsch und wollte nur von mir etwas annehmen. Das arme Serviermädel tat sein möglichstes, aber alles wies er ab. Zuletzt wurde er wieder gesund und bekam eine Stelle in München.

Als nun Weihnachten kam, verabredete ich mit Kreidolf, die Ferien in Partenkirchen zu verbringen. Ein Bekannter, nennen wir ihn Gönner, hörte davon, und wir konnten es nicht wohl verhindern, daß er sich uns anschloß. Im Moment, als ich zur Bahn wollte, um diesen Landsmann dort zu treffen, kam das Weih­nachtspaket an. Ich versäumte mich in Träumereien und wollte das Paket auch sofort verdanken; denn wenn ich von Partenkirchen aus geschrieben hätte, würde mein Vater Todesängste wegen des Bergkra­xelns ausgestanden haben, und ich wollte es erst nachher berichten, konnte ich doch mit selbstverdien­tem Geld es mir leisten, ohne zu fragen. Nun kommt dieser Herr G. und lamentiert und räsoniert über meine Ungezogenheit, daß ich ihn an der Bahn vergebens warten lasse. Als das vorüber war, fuhren wir mit dem nächsten Zug und wanderten von Murnau aus die fünf Stunden durch den Schnee zu Fuß, Krei­dolf und ich mit Rucksack und Nagelschuhen.

Unser Begleiter, der einem biedern Schweizerstädtchen entstammte, hatte sehr elegante Schuhe und ein Spazierstöcklein und einen Diamanten, den er bald als Busennadel, bald als Hemdenbrustknopf, bald am Fingerring, bald an der linken, bald an der rechten Manschette angeschraubt hatte, so daß ein jeder glau­ben mußte, er besitze fünf solche Diamanten. Er beklagte sich bald, daß wir zu große Schritte machten, sprach auch immer hochdeutsch, weil er seine Bildung dokumentieren wollte. Er hielt uns vor, daß wir mit unserm Schweizerdeutsch den Eindruck von Bauernlümmeln machten, obschon es auf der einsamen Landstraße niemanden genieren konnte, daß wir uns unserer heimischen Sprache bedienten. Solche kleine Zänkereien und ähnliche über Kunstfragen: ob nur das Ästhetische gemalt werden dürfe oder auch ein geschlachteter Ochse, wie von Rembrandt, verkürzten uns Malern den Weg nicht gerade angenehm, und wir, als die Jüngern, fingen an, zu dem Geschwätz zu schweigen und uns über den Herrn zu ärgern. Unser Bekannter hatte sonst brillante Eigenschaften. Er hatte literarische Begabung, war glänzender Un­terhalter in Damenkreisen und hatte einen raffinierten Geschmack für Eleganz. Aber gerade diese Eigen­schaften waren Kreidolf und mir völlig fremd und konnten uns nicht blenden. Als wir in Partenkirchen bei Pischl in dem Metzgerwirtshaus abstiegen, überließen wir ihm gern die beste heizbare Stube, und wäh­rend wir uns behaglich fühlten, fand er es einen köstlichen Witz, sich mit einem so einfachen Gasthaus zu behelfen, saß mit uns in der Bauerngaststube und amüsierte sich großartig, als “Herr“ unter Bauern zu sitzen. Die Leute plauderten unter sich und erzählten in ihrer plastischen Weise Jagdgeschichten, von Wilderern, erschossenen Jägern, von ihren Dachshunden usw. Es war auch ein Wilderer dabei, der furchtbar geneckt wurde, kurz, es war oft wie das amüsanteste Theaterstück, und unser Herr Gönner notierte sich seelenvergnügt alles wörtlich auf. Wir erstaunten aber doch, als nach einigen Tagen alles wortgetreu in einem Zeitungsfeuilleton gedruckt stand. Man gewöhnte sich aber an den Salontiroler — er trug natürlich Filzhütlein mit Gemsbart, grüne Wadenstrümpfe und Hirschhornknöpfe an der Lodenjacke und die Diamantbusennadel — und kam noch gut mit ihm aus.

Gleich am zweiten Tag, es war Heiliger Abend, wollte ich den beiden den Clou von Partenkirchen zeigen: die Partnachklamm. Es war aber alles vereist, die Schlucht von haushohen Eiszapfen starrend und ver­schlossen. So mußten wir etwas mühsam im Schnee am Rand emporklimmen über vereiste Bächlein, und der arme Gönner stand Todesängste aus, und da es Abend wurde, fürchtete er Absturz oder ein Verirren im Wald und Erfrieren. Was Drittes gab es nicht für ihn. Ich kannte aber jeden Steg, und so gelangten wir — immer noch lebend — aufs Graseck, wo ein tröstend Wirtshäuslein Stärkung gewährte, und abwärts auf Schlittwegen.

Und wieder kam ein Feuilleton in jener Zeitung über eine kühne Durchquerung und Überwindung un­glaublich schwieriger Kletterpartien über Schnee und Eis der Partnachklamm und die Poesie des Weih­nachtsabends in Wintereinsamkeit. Sehr gut!

Eines Tages stapften wir durch den tiefen Schnee hinauf zum Hof des Raintalbauern, der dem Berliner Hofprediger Stöcker gehörte. Der sonst etwa anderthalb bis zwei Stunden weite Weg war etwas mühsam, aber droben eine herrliche Alpennatur; man hatte vor sich die zerklüfteten Felsen des Wettersteingebir­ges, das zur Zugspitze gehört. Es waren eine alte Frau da und ein wunderschönes Bauernmädchen, Cenzi Hohenleitner, die anfangs etwas scheu, allmählich wärmer wurde. Sie hatte einen Kranz von dun­keln Haaren und dunkle Augen, fast schwermütig. Man spürte in ihr die Menschenscheu, besonders vor den Städtern, mit denen sie wohl eine böse Erfahrung gemacht hatte. Sie meinte, das Leben sei meist grausamer, als es in Büchern stehe.

Wir beschlossen, die Neujahrsnacht dort zuzubringen und gingen auch wirklich. Oh, wie herrlich war diese muttelige Bauernwärme nach dem eiskalten Aufstieg. Und wie heimelig ließ es sich in die Eckbänke drü­cken zum Kaffee mit Strudeln! Ich habe noch eine Zeichnung, wie Kreidolf mit der Cenzi ein Buch be­trachtet und daneben G., der ganz närrisch tat und der Cenzi ein seiden Halstuch schenkte. Mit der Dämmerung kamen die Knechte, hingen ihre nassen Strümpfe auf, streckten sich wortkarg am Ofen aus und schlichen sich schweigend bald zu Bett. Die Alte hantierte in der Küche. Kreidolf und ich schliefen in den herrlichen Betten Stöckers und seiner Hälfte, und am Morgen machten wir vom Zahnpulver des geist­lichen Herrn respektvollen Gebrauch. Cenzi stand noch lange an der Tür, bevor sie zu Bett ging, und Kreidolf fand sich sehr angezogen von ihr. Um Mitternacht gingen wir hinaus und läuteten das Glöcklein der kleinen Kapelle, und ich zeichnete schnell die Situation in der klaren Vollmondhelle; mir war ungemein feierlich zumute, und ich hoffte auf viel Glück im kommenden Jahr. Mein Herz hatte einen neuen Stern aufgehen sehen.

Weil ich gerade bei Partenkirchen bin, muß ich einer Bergbesteigung vom Sommer gedenken. Hans Wie­land holte mich in Partenkirchen ab, um auf die Zugspitze zu gehen, jenen schönen Berg von 3ooo Meter Höhe, der die ganze Alpenkette mit einem jähen Absturz schließt. Wir waren bei einem alten Fräulein Michaelis sehr nett einlogiert. Am frühen Morgen beim Aufbruch ließ sich eine Kreuzspinne vor uns nie­der, und wir dachten der Schauergeschichte, wie vor kurzer Zeit eine Dame an der Zugspitze abgestürzt war. So versprachen wir uns, keine gefährliche Stelle zu forcieren, sondern lieber umzukehren. Wir gingen wohlausgerüstet, mit guter Karte; Wieland hatte sogar ein Gletscherbeil und ein Seil, und wir beide hatten Steigeisen, die an die Schuhe geschnallt werden konnten. Die Knorrhütte wurde nach acht Stunden er­reicht; sie erinnert mich an die Meglisalp am Säntis, der in der Formation der Zugspitze ähnlich ist, letztere ist nur wilder. Wir fanden die Hütte angefüllt mit etwa zwanzig Leuten, wollten aber die Besteigung der Spitze allein und ohne Führer unternehmen. Zwei Berliner mit dünnen Halbschuhen schlossen sich uns jedoch an, weil sie absolut ohne Kenntnis des Berges waren. Wieland schnallte uns stolz an sein Seil und pickelte Stufen in das übrigens ungefährliche Eisplateau. Beim Grat wurde es mir ungemütlich. Einige Drahtseile waren wohl da, aber im ganzen war’s noch nicht so gebahnt wie heute. Auf dem Gipfel wurden wir photographiert. Aber daß einige Männer dabei so keck hinstanden über der tausend Meter gerade abfallenden Wand, jagte mir tausend Ängste ein. Auch wagte ich nicht, vom Ost- zum Westgipfel zu klet­tern. Aber großartig war’s. Tief unten der Eibsee, vor uns die Tirolerberge. Die Zugspitze liegt gerade auf der Grenze. Die meisten machten den Abstieg über das steile Geröll der Ostseite zum Eibsee, auch die beiden Berliner, die wir nachher sozusagen in Strümpfen heimkehrend trafen. Ich wagte es nicht, und wir kletterten wieder über den Grat zurück, Wieland fröhlich aufrecht, ich aber sitzlings, langsam und sicher. Müde und durstig nach dem dreizehn bis vierzehn Stunden langen Marsch erholten wir uns an dem herrlichsten Bier in Partenkirchen."

 


 

Aus: Wilhelm Balmer in seinen Erinnerungen. Herausgegeben von Francis Kervin (Erlenbach-Zürich und Leipzig 1924) S. 124ff  - Für den Hinweis danke ich Franz Wörndle, Archivar des Marktes Garmisch-Partenkirchen

Foto: www.library.ethz.ch

 

 

© Alois Schwarzmüller 2007

 

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