Ödön von Horvath und "Der ewige Spießer"

 

 

 

"Edmund (ungarisch „Ödön“) Josef von Horváth wurde am 9. Dezember 1901 als erster Sohn des österreichisch-ungarischen Diplomaten Dr. Ödön Josef von Horváth (1874–1950) und der Maria Lulu Hermine, geb. Prehnal, in Fiume (heute Rijeka, Kroatien) geboren. Der Vater stammte aus Slavonien und gehörte dem Kleinadel an, die Mutter kam aus einer ungarisch-deutschen k.u.k. Militärarztfamilie. 1902 zog die Familie nach Belgrad, 1908 wiederum nach Budapest, wo Ödön von einem Hauslehrer in ungarischer Sprache unterrichtet wurde. Als sein Vater 1909 nach München versetzt wurde, blieb Ödön zunächst in Budapest und besuchte dort das erzbischöfliche Internat, das „Rákóczianum“. 1913 zog er zu seinen Eltern und lernte erstmals die deutsche Sprache. Er siedelte dann mit der Familie nach Pressburg, später nach Budapest und kam schließlich, als die Eltern wieder nach München zogen, nach Wien in die Obhut seines Onkels Josef Prehnal. Dort legte er 1919 an einem Privatgymnasium seine Matura ab und schrieb sich noch im selben Jahr an der Universität München ein, wo er bis zum Wintersemester 1921/22 psychologische, literatur-, theater- und kunstwissenschaftliche Seminare besuchte.

Horváth begann 1920 zu schreiben. Der erste literarische Text Horvaths, Das Buch der Tänze, wurde 1922 konzertant in München und 1926 szenisch in Osnabrück aufgeführt. Ab 1923 lebte Horváth vor allem in Berlin, Salzburg und bei seinen Eltern im oberbayerischen Murnau am Staffelsee. Er widmete sich immer intensiver der Schriftstellerei, vernichtete jedoch viele Texte aus dieser Zeit. Er band sich an keine Partei, sympathisierte aber mit der Linken; er sagte als Zeuge in einem NS-Prozess aus und warnte in seinen Stücken, z. B. in Sladek, der schwarze Reichswehrmann (1929), zunehmend vor den Gefahren des Faschismus. 1929 trat er aus der katholischen Kirche aus.

Horváths Ruhm als Dichter erlebte im Jahr 1931 einen ersten Höhepunkt, als er auf Anregung Carl Zuckmayers gemeinsam mit Erik Reger mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde und sein bisher erfolgreichstes Bühnenstück Geschichten aus dem Wiener Wald aufgeführt wurde. Als die SA nach Adolf HitlersMachtergreifung“ 1933 die Villa seiner Eltern in Murnau durchsuchte, verließ Horváth Deutschland und lebte die folgenden Jahre in Wien und in Henndorf am Wallersee bei Salzburg als eines der wichtigsten Mitglieder des Henndorfer Kreises um Carl Zuckmayer. Um zu überleben, kehrte er 1934 wieder nach Deutschland zurück und versuchte trotz seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, dem Reichsverband Deutscher Schriftsteller beizutreten, und wurde Mitglied der Union nationaler Schriftsteller. Als er jedoch im Juli 1936 aus Deutschland verwiesen wird, wird er – allerdings erst im Februar 1937 – aus der Mitgliederliste der Reichsschrifttumskammer gestrichen.

Weil seine Stücke in Deutschland nicht mehr aufgeführt wurden, verschlechterte sich Horváths finanzielle Situation zusehends. Erst 1937, als sein Roman Jugend ohne Gott in Amsterdam erschien, konnte er wieder einen größeren Erfolg verzeichnen; der Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt, aber bereits 1938 in die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ aufgenommen und im Reichsgebiet eingezogen.

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 fuhr Horváth nach Budapest und Fiume, bereiste einige andere Städte und kam Ende Mai nach Paris. Am 1. Juni traf er im Café Marignan den Regisseur Robert Siodmak, um mit ihm über die Verfilmung des Romans Jugend ohne Gott zu sprechen. Doch noch am selben Abend wurde Horváth während eines Gewitters auf der Champs-Élysées von einem herabstürzenden Ast erschlagen. Seine Beerdigung fand am 7. Juni auf dem Pariser Friedhof Saint-Ouen in Anwesenheit vieler Exilautoren statt."

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ödön_von_Horvath

Bild: Dieter Hildebrandt: Ödön von Horváth. Reinbek: Rowohlt 1975. S. 25.

 

"Der ewige Spießer"

Herr Kobler fährt von München über Partenkirchen zur Weltausstellung nach Barcelona

 

»Barcelona liegt bekanntlich in Spanien«, meinte Kobler überlegen. »Des is gar net so bekanntlich!« ereiferte sich der Bschorr.» Bekanntlich hätt i gschworn, daß des Barcelona bekanntlich in Italien liegt!« »Ich fahr durch Italien nur lediglich durch«, sagte Kobler und strengte sich an, genau nach der Schrift zu sprechen, um den Thimoteus Bschorr zu reizen. Aber der ließ sich nicht. »Da werdens lang brauchen nach Barcelona hinter«, meinte er stumpf. »Sehr lang. Da beneid ich Sie scho gar net. Überhaupts muß Spanien recht drecket sein. Und eine heiße Zone. Was machens denn in Madrid?«

»Madrid werde ich links liegen lassen«, erklärte Kobler. »Ich möcht nur mal lediglich das Ausland sehen.« Bei diesen Worten zuckte sein Gegenüber wieder furchtbar zusammen und mischte sich ins Gespräch, klar, kurz und bündig: »Ein Deutscher sollte sein ehrlich erworbenes Geld in diesen wirtschaftlich depressiven Zeiten unter keinen Umständen ins Ausland tragen!« Dabei fixierte er Kobler strafend, denn er hatte ein Hotel in  Partenkirchen, das immer leer stand, weil es wegen seiner verrückt hohen Preise allgemein gemieden wurde.

»Aber Spanien war ja im Krieg neutral«, kam der dritte Herr in der Ecke Kobler zu Hilfe. Er lächelte noch immer, »Egal!« schnarrte der Hotelier. »Spanien ist uns sogar sehr freundlich gesinnt«, ließ der in der Ecke nicht locker. »Uns is überhaupts niemand freundlich gesinnt!« entgegnete ihm erregt der Thimoteus. »Es wäre ja ein Wunder, wenn uns jemand freundlich gesinnt wäre!! Oder wars ka Wunder, Leutl?!«

Der Hotelier nickte: »Ich wiederhole: ein Deutscher soll sein ehrlich erworbenes Geld in der Heimat lassen!« Kobler wurde allmählich wütend. Was geht dich dem Portschinger sein Kabriolett an, du Hund! dachte er und wies den Hotelier in seine Schranken zurück: »Sie irren sich! Wir jungen deutschen Handelsleute müßten noch bedeutend innigere Beziehungen mit dem uns wohlgesinnten Ausland anknüpfen. Zu guter Letzt müssen wir dabei natürlich die nationale Ehre hochhalten. «Das mit dem Hochhalten der Ehre sind Redensarten!« unterbrach ihn der Hotelier unwirsch. »Wir Deutsche sind eben einfach nicht fähig, kommerzielle Beziehungen zum Ausland ehrenvoll anzuknüpfen!« »Aber die Völker!« meinte der Dritte und lächelte plötzlich nicht mehr. »Die Völker sind doch aufeinander angewiesen, genau wie Preußen auf Bayern und Bayern auf Preußen.«

»Sie, wanns mir Bayern schlecht machen!« brüllte der Thimoteus. »Wer is angwiesen? Was is angwiesen? Die Schnapspreißn solln halt nach der Schweiz fahren! Zuwas brauchn denn mir an Fremdenverkehr, bei mir kauft ka Fremder was, i hab a Ziegelei und war früher Metzger!« »Oho!« fuhr der Hotelier auf. »Oho, Herr! Ohne Fremdenverkehr dürfte die bayerische Eigenstaatlichkeit beim Teufel sein! Wir brauchen die norddeutschen Kurgäste, wir brauchten auch die ausländischen Kurgäste, besonders die angelsächsischen Kurgäste, aber bei uns fehlt es leider noch häufig an der entgegenkommenden Behandlung des ausländischen Fremdenstromes, wir müßten uns noch viel stärker der ausländischen Psyche anpassen. Jedoch natürlich, wenn der Herr Reichsfinanzminister erklärt….«

Nun aber tobte der Thimoteus.

»Des san do kane Minister, des san do lauter Preißen!« tobte er. »Lauter Lumpn sans! Wer geht denn zgrund? Der Mittelstand! Und wer kriegt des ganz Geld vom Mittelstand? Der Arbater! Der Arbater raucht schon Sechspfen­nigzigaretten… Meine Herren! I sag bloß allweil: Berlin!«

»Bravo!« sagte der Hotelier und memorierte den Satz vom Asphaltdeutschen.

Der Herr in der Ecke erhob sich und verließ rasch das Abteil. Er stellte sich an das Fenster und sah traurig hinaus auf das schöne bayerische Land. Es tat ihm aufrichtig leid um dieses Land.

»Der is draußn, den hab i nausbißn«, stellte der Thimoteus befriedigt fest. »Ich verfolge mit Aufmerksamkeit die Heimstättenbewegung«, antwortete der Hotelier. »Ihr Quadratidioten!« dachte Kobler und wandte sich seinem Fenster zu.

Auf den Feldern wurde gearbeitet, auf den Weiden stand das Vieh, am Waldrand das Reh, und nur die apostolischen Doppelkreuze der Überlandleitungen erinnerten an das zwanzigste Jahrhundert. Der Himmel war blau, die Wolken weiß und bayerisch barock. So näherte sich der D-Zug der südlichen Grenze der Deutschen Republik. Zuerst ist er an großen Seen vorbeigerollt, da sind die Berge am Horizont noch klein gewesen. Aber jetzt wurden die Berge immer größer, die Seen im­mer kleiner und der Horizont immer enger. Und dann hörten die Seen ganz auf, und ringsherum gabs nur mehr Berge. Das war das Werdenfelser Land. In Partenkirchen stieg der Hotelier aus und würdigte Kobler keines Blickes. Auch der Herr Bschorr stieg aus und stolperte dabei über ein vierjähriges Kind. »Eha!« meinte er, und das Kind brüllte fürchterlich, denn der Herr Bschorr hätt es fast zertreten. Dann fuhr der D-Zug wieder weiter. Richtung Mittenwald. »…Dort sehen Sie Mittenwald! Es liegt lieblich, nicht?«

 

Aus: Ödön von Horvath, Gesammelte Werke. Prosa und Verse 1918-1938. Band 4 (Frankfurt am Main, 1988) S. 304ff

 

 

 

© Alois Schwarzmüller 2013

 

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