Michael Ende, Ballade vom Heldentod eines deutschen Offiziers

 

 

In Garmisch, meinem Heimatort,
im achtunddreißiger Jahr,
lebte in unserem Nachbarhaus dort
ein älteres Ehepaar.

Er sprach von «Frau Hauptmann» und sie von «mein Gatte».
Sie stritten sich viel, die zwei.
Er bekam Offizierspension und sie hatte
eine kleine Leihbücherei.

Doch Bücher zu leihn hat fast niemand gewagt,
ihr Lädchen blieb meistens leer.
«Die Leute», sprach sie, «Gott sei's geklagt,
lesen keine Bücher mehr.»

Beim Spazierengehn fiel er bisweilen um,
dann schlug er um sich und schrie.
Von Verdun hatte er einen Kopfschuß,
darum litt er an Epilepsie.

Beim Bäcker, wo er täglich die Semmeln gekauft,
hieß es plötzlich: «Für Sie sind sie aus.»
Er war auf den Vornamen Fritz getauft,
aber Hedy war aus jüdischem Haus.

Dann war es eines Tages so weit:
Fünf Männer, die taten ganz fremd,
sie ließen ihr nicht mal Zeit für ihr Kleid
und führten sie fort im Hemd.

Die Leute lachten und kamen gerannt:
In einem Käfig stand sie zur Schau.
Daran hing ein Schild und darauf stand:
«Ich bin eine Judensau!»

Fritz wußte erst nicht, was tun,
aber dann - kam er plötzlich in Fahrt.
Er zog sich seine Uniform an,
die hatte er aufbewahrt.
 


Er hängte sich alle Orden um.
Sein Gesicht, das war feldgrau.
Er marschierte zum Käfig und stellte sich stur
vor seine liebe Frau.

So stand er in seinem Paraderock,
den Säbel in Habt-acht.
Es begann zu schneien in dichtem Geflock,
Fritz hielt die Ehrenwacht.

Sie sprachen nicht miteinander, die zwei.
Er stand einen Tag, eine Nacht.
Die Leute drückten sich scheu vorbei
und haben nicht mehr gelacht.

Den Herrenmenschen ging allgemach
die Sache dann doch zu weit.
Ein SA-Mann trat zu Fritz und sprach:
«Du entehrst dieses Ehrenkleid !»

Doch Fritz fuhr fort, gradeaus zu schaun,
und schenkte ihm keinen Blick.
Da haben sie ihn auf den Kopf gehaun
mit einem Eisenstück.

Er fiel zu Boden ohne ein Wort.
So lag er im Schnee noch lange,
und viele Leute sahen ihn dort
samt Orden und Ehrenspange.

Sie schwiegen und schauten woanders hin,
wollten niemand loben noch schelten.
Allein saß Hedy im Käfig drin,
in einer großen Kälten.

Es heißt, daß sie nichts mehr verstanden hat,
denn sie war da schon geistig verstört.
Ich hörte, sie kam nach Theresienstadt.
Sonst hab ich nichts mehr gehört.

 

 

aus: Michael Ende, Trödelmarkt der Träume. Mitternachtslieder und leise Balladen (Stuttgart 1986) S. 82

 

 

 

Michael Ende

München, den 3.4.90

 

Sehr geehrter Herr Schwarzmüller,

die in meiner “Ballade” geschilderten Vorgänge habe ich nicht selbst als Augenzeuge erlebt, sondern so niedergeschrieben, wie sie damals und später noch zwischen meinen Eltern besprochen worden sind. Ich bin am 12. November 1929 geboren, war also zu jenem Zeitpunkt erst 8, respektive 9 Jahre alt. Dennoch hat sich mir die Sache tief eingeprägt, vor allem auch wegen des tiefen Entsetzens meiner Eltern. Meine Mutter weinte nicht leicht, aber da habe ich sie vollkommen in Tränen aufgelöst gesehen. Durch wen meine Eltern die Nachricht bekommen hatten, weiß ich nicht mehr; es könnte durch Frl. Schiele gewesen sein, die damals und später noch im Bunten Haus einen kleinen Modesalon hatte und zu den Freunden meiner Eltern gehörte. Ich kann nicht sagen, ob sie noch lebt (es ist mehr als unwahrscheinlich), aber vielleicht gibt es noch Freunde oder Verwandte von ihr. 1938 lebten meine Eltern und ich bereits in Mün­chen-Schwabing, wo ich auch zur Schule ging. Mein Vater, Edgar Ende, geboren 1901, einer der ersten deutschen Surrealisten, war da schon längst unter das “offizielle" Verdikt “Entartete Kunst" gefallen, d.h. er durfte seinen Beruf als Maler nicht mehr ausüben (was er natürlich heimlich dennoch tat), seine Bilder weder auf Ausstellungen zeigen, noch verkaufen, noch ins Ausland schicken. Viele Gemälde von ihm, die sich in Museen oder anderen öffentlichen Sammlungen befanden, waren konfisziert und vernichtet wor­den. Den Lebensunterhalt für uns verdiente - kümmerlich genug - meine Mutter durch Heilgymnastik und Massagen.

Zu Fritz und Hedy Staakmann (oder Starkmann?):

Ich kann das Jahr nicht mehr mit Sicherheit eruieren, in dem meine Mutter nach Garmisch kam. Sie trug damals noch ihren Mädchennamen Luise Bartholomä, zog aus dem Rheinland zu und machte im Bunten Haus einen kleinen Laden ( mit zuge­hörigen Wohnung im 1. Stock) für Spitzen und Halbedelsteine auf. Es wird wohl so um 1925 herum gewesen sein. Dort jedenfalls begegnete ihr 1928 mein Vater, der ge­rade aus Hamburg gekommen war. Kurz danach schon heirateten sie und 1929 kam ich zur Welt. Der Laden gehörte jedenfalls bis zuletzt meiner Mutter. Das Bunte Haus hatte von der Rückseite aus, die zum Bahndamm hin lag, mehrere Aufgänge. In einer solchen Nachbarwohnung, ebenfalls im 1. Stock, lebten Fritz und Hedy Staakmann (oder Starkmann). Sie und meine Eltern freundeten sich an und meine Eltern gingen häufig zu ihnen hinüber zum Bridge-Spielen. Obwohl ich noch sehr klein war, erinnere ich mich doch noch gut an die sehr bürgerliche Atmosphäre mit Häkeldeckchen und Vertiko bei Onkel Fritz und Tante Hedy, wie ich sie nannte, und an ihren total überfütterten, alten, warzenbedeckten Dackel Mucki. Tante Hedys Leihbücherei war im Treppenaufgang untergebracht und nicht besonders reichhaltig.

Der Laden meiner Mutter ging recht gut, trotzdem wollte mein Vater unbedingt nach München übersie­deln, um Anschluß an die moderne Kunstszene zu finden. So gab meine Mutter den Laden 1932 auf und wir zogen nach München. In den späte­ren Jahren besuchten wir Onkel Fritz und Tante Hedy jedoch öf­ters, deshalb ist meine Erinnerung an beide relativ gut und resultiert nicht nur aus jener allerersten Zeit.

   

 

Oben: Dieses Telegramm verkündete die Geburt von Michael Ende (1929)

Links: Der kleine Michael beim Ballspielen im Hof des Bunten Hauses (etwa 1932)

Rechts: Das Bild zeigt - von rechts nach links - Luise Ende, Fritz Staackmann, Hedy Staackmann, Frau Schiele, Edgar Ende und den kleinen Michael (1931)

Unten: Das Bunte Haus mit der Ladenzeile an der Ecke Bahnhofstraße / Von-Brug-Straße (30er Jahre)

 

   

Onkel Fritz war ein herzensguter Mann, aber immer ziemlich “grantig”, wohl wegen seiner ständigen Kopfschmerzen. Auch an seine epileptischen Anfälle, Folge seiner Kriegsverletzung erinnere ich mich, weil sie mich als Kind recht erschreckt haben. Meistens zankte er mit Hedy wegen irgendetwas herum. Tante Hedy dagegen war immer geduldig und von einer grenzenlosen, sogar für mich schon damals erstaun­lichen Naivität. Sie schien sich ständig über alles wie ein Kind zu wundern. Außerdem hatte sie eine etwas komische Vorliebe für “feine” Ausdruckweise. Ich besitze übrigens noch einige Fotos aus jener Zeit, auf der unter anderen auch die beiden zu sehen sind. Wenn ich mich recht erinnere, war Fritz Staakmann (oder Starkmann) mit einem Verlagshaus eben dieses Namens verwandt und bezog neben seiner Offizierspension von diesem eine Art Rente, die ihnen ein leidliches Auskommen sicherte. Vielleicht gibt es diesen Verlag noch (in der D.D.R.?), vielleicht Erben oder Nachfahren, die mehr über das Schicksal von Fritz und Hedy wissen.

Als die Leihbücherei aufgegeben werden mußte, halfen meine Eltern den beiden beim Aus- und Umräumen. Ich “erbte" damals 32 Bände Karl May - für mich ein unvorstellbarere Schatz. Sie sind später leider bei einem Bombenangriff auf München mit den Atelier meines Vaters verbrannt.

Außer Frl. Schiele mit ihrem Modesalon gab es im alten garmischer Freundes­kreis meiner Eltern noch einen Holzbildhauer namens Dusch, der aus dem Ort oder der Gegend stammte. Er machte Perchtenmasken und dergl. Sonst kann ich mich an keine Namen mehr erinnern, die mit Fritz und Hedy in Zu­sammenhang stehen könnten.

 

 

 

 

 

 
 

Oben: Luise und Edgar Ende (1934)  - Die Klasse 1a des Max Gymnasiums München (1941), mit der Michael Ende (1. Reihe,  Vierter von rechts) in den Jahren 1944 und 1945 in der Kinderlandverschickung war.

Mitte: Luise Ende und Michael (1935) - Hotel Kramerhof (später Bernrieder Hof) - KLV-Lager im Zweiten Weltkrieg

Unten: Pension Roseneck (KLV-Lager 1944/45) - Gudrun Keltsch, Tochter der Pensionsinhaber, mit der Michael befreundet war (1944)

 

Ich selbst kam dann erst 1943 mit der K.L.V. (Kinder-Land-Verschickung) zusammen mit meiner Gym­nasialklasse wieder nach Garmisch und blieb dort bis Kriegsende. (Erst im “Kramerhof", später im “Roseneck") Zu dieser Zeit lebte Frl. Schiele noch im Bunten Haus und ich besuchte sie öfters. Sie hat mir das Ende von Fritz und Hedy ebenfalls so berichtet, wie ich es von meinen Eltern gehört hatte. Der Käfig mit Hedy soll übrigens auf dem Platz vor dem Bahnhof gestanden haben. Seltsam, daß sich nie­mand daran erinnert.

Daß sie zuletzt nach Theresienstadt gebracht wurde, ist nicht mit Sicherheit auszumachen, wurde aber immer wieder gesagt. Wo das Grab von Fritz ist und ob es überhaupt eines gibt, weiß ich nicht.

“Sonst hab ich nichts mehr gehört..."  -

Mit herzlichen Dank, daß Sie sich der Sache angenommen haben.

Michael Ende

Handschriftlich hinzugefügt:

PS: Beim Wiederlesen Ihres Briefes verwirrt mich das Datum der Zeitungsanzeige über die Aufgabe der Leih­bücherei. Da ich beim Umräumen mitgeholfen habe, weiß ich, daß Fritz und Hedy zu diesem Zeitpunkt beide noch am Leben waren. Die Sache mit dem Käfig müßte also später stattgefunden haben. Jetzt kommt es mir fast so vor, als ob es schon im Krieg war. Vielleicht hat man die Staakmanns wegen Frit­zens Kriegsverdiensten erst noch verschont und erst später, als die Juden-Massenvernichtung im Osten einsetzte, auch hier keine Ausnahme mehr geduldet.

 

Bildnachweis:

Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen
Archiv des Autors

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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