Kurt Tucholsky, "Der Übergang von der Normandie nach Garmisch war etwas schroff" (1928)

 

 

Kurt Tucholsky, geboren 1890 in Berlin, schrieb unter den Pseudonymen Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Peter Panter und Kaspar Hauser satirische und gesellschaftskritische Feuilletons, Gedichte, Chansons und Prosaskizzen. Seit 1913 war er Mitarbeiter der »Schaubühne« - 1918 umbenannt in »Die Weltbühne« -  ab 1926 deren Herausgeber. Ab 1924 arbeitete er als Korrespondent in Paris, 1929 emigrierte er nach Schweden. Tucholsky vertrat als bedeutender Satiriker und Zeitkritiker einen »linksgerichteten pazifistischen Humanismus« und war einer der schärfsten Polemiker gegen den Nationalsozialismus. 1933 wurde Tucholsky von den Nazis ausgebürgert, seine Bücher wurden in Deutschland verbrannt. Im schwedischen Exil veröffentlichte Tucholsky keine Werke mehr. Aus Verzweiflung über die Entwicklung in Deutschland - seine Briefe unterzeichnet er mit «ein aufgehörter Deutscher» und «ein aufgehörter Schriftsteller» - nahm Kurt Tucholsky sich im Dezember 1935 das Leben.

 

 

Kurt Tucholsky, Vier Sommerplätze

„Von der Normandie habe ich schon erzählt. Das ist ein heiteres, grünes Land, mit kleinen Badesträndchen und großen mondänen Plätzen, um die bequeme Wege herumführen. Bevölkert wird dasselbe von Eingeborenen und einigen Fremden, die französisch sprechen; die Landessprache ist englisch…

Der Übergang von der Normandie nach Garmisch war etwas schroff.

Wir sind vor Jahren die ersten gewesen, die den Ruf »Reisende – meidet Bayern!« ausgestoßen haben, damals, als es sehr, sehr nötig gewesen ist. Etwas geholfen hat er. Und auch heute noch lockte es mich nicht in das Land, von dem der ursaupreußische Fridericus in seiner echt kernig-deutschen Sprechweise gesagt hat: »C'est un paradis, habité par des animaux« – aber ich war gewiß nicht zu meinem Vergnügen in Garmisch. Das muß auch schwer sein.

Auf den Wegen stapfen unwirsche Norddeutsche, Sachsen, als Diroler verkleidet, und solange sie nicht den Mund auftun, ist die Täuschung vollkommen: dann hält man sie für Berliner. Die Männer sehen alle viereckig aus, auf dem Hals tragen sie eine kleine Tonne, daran ist vorn das Gesicht befestigt. Morgens setzen sie es auf, und was für eines –! Die Frauen schlapfen daher. Alles baumelt an ihnen, auch die Seele. Ich war seit zwei Jahren zum ersten Male wieder in Deutschland; in der Heimat kann ich nicht sagen, weil es sich ja um Bayern handelt – wir würden uns das beide verbitten…

Dabei ist äußerlich alles praktischer, aber auch beinahe alles hübscher als in Frankreich: Konditoreien, Hotels, Straßen, Häuschen, Zigarrendüten. Und dennoch –

Leider haben sie auch eine Bar, wo Prokuristen und Zahnärzte so auszusehen sich bemühen, wie es in ihren Dienstvorschriften – den illustrierten Zeitungen – vorgeschrieben steht. Inferno. Mit heißen, roten Köpfen drehten sich prustende Klumpen in einem bonbongelben Licht zu den Klängen eines synkopierten Parademarschs. Einer trank eine Flasche Sekt und nahm damit zu sich: klassenbewußte Lebensbejahung, wohlverdientes Ferienglück, Distanzierung gegen die da unten. Ein guter Popo ist ein sanftes Ruhekissen.

Auch schwebten wir die Zugseilbahn hinauf, ich paßte auf, dass Fritzi Massary nicht herausfiel, und dass mir nicht übel wurde. Die befohlene Aufgabe wurde voll erfüllt.

Die Zugspitzbahn ist ein Triumph menschlichen Erfindergeistes, ein Wunderstück deutscher Technik, die Überwindung der Elementargewalten durch die Kraft der Beharrlichkeit und etwas völlig Blödsinniges. Wenn ich Zugspitze wäre: man müßte sich ja zu Tode schämen. Sieht man von den Ski-Leuten ab, die sich ›mit die Brettln‹ im Winter da heraufziehen lassen können, um herrlich wieder herunter, zu Tal, zu fahren – der Berg ist gar kein Berg mehr. Entzaubert, von seinem Thron jäh heruntergeholt, eine Plattitüde von dreitausend Metern. Oben stehen die Leute und wissen nicht genau, was sie da sollen. Manche lassen sich anseilen, um bis zum noch unasphaltierten Gipfel zu steigen: grinsend zog an uns ein bayerischer Führer vorbei, seine Opfer, das Seil über den Sommerüberziehern, zog er hinter sich her. Ihre Augen sagten: Ihr Lümmels in der Etappe ... ! Ein Grammophon mit Schinkensemmeln zeigte an, bis zu welchen Gebirgshöhen heute die menschliche Zivilisation vordringen kann. Polgar, der mit heraufgeschwebt war, suchte eine Ansichtskarte, die er an Hans Müller schicken könnte. Dann schwebten wir wieder herunter.“

Peter Panter, Die Weltbühne, 24.08.1926, Nr. 34, S. 305.

 

Aus: Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke Bd. 2 (Reinbek, 1975) S. 479 ff

 

 

© Alois Schwarzmüller 2012

 

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