Hugues Krafft - Weltreisender und Fotograf: "Garmisch erstreckt sich weit in die Ebene..."

 

 

Hugues Krafft (1854-1935) kam in Paris zur Welt, lebte in seiner Kindheit zeitweise in Frankfurt am Main, studierte am Eton College, war für die Wein- und Champagnerkellereien Mumm und Roederer tätig, widmete sich der Kunst, ehe er im Oktober 1881 zu einer Weltreise aufbrach, die ihn 1882 bis nach Yokohama führte. Seine neue Art des Fotografierens machte ihn bekannt.  1886 war er mit seinem Fotoapparat unterwegs zu den Schlössern Ludwigs II. von Bayern. Die folgende Charakterisierung der Dörfer Partenkirchen und Garmisch entstand beim Besuch von Schloss Linderhof. (asm)

 

„… Partenkirchen und der Nachbarort Garmisch liegen in einem breiten Tal mitten in den Bergen. Beide Ortschaften sind kaum einen Kilometer voneinander entfernt und doch höchst unterschiedlich, was in einer solchen Situation außergewöhnlich ist: Garmisch erstreckt sich weit in die Ebene, seine braunen, mit religiösen Fresken bemalten Landhäuser sind ungleichmäßig um hübsche kleine Gärten verstreut. In Partenkirchen dagegen drängen sich die Gebäude dicht an dicht entlang einer Hauptstraße. Gut ausgestattete Hotels gibt es in beiden Orten und ihre Umgebung lädt zu wunderschönen Ausflügen ein. Für Ausländer reizvoll ist sicher auch, dass sich die hiesige Bevölkerung eine gutmütige, liebenswerte Einfachheit bewahrt hat - man ist etwas überfordert, auf die vielen herzlichen Grüß Gott! unterwegs etwas Passendes zu erwidern. Die meisten Jungen und viele Männer tragen noch traditionelle Bergtracht mit federgeschmückten Hüten, was ihren sonnengebräunten Gesichtern einen Ausdruck von Unabhängigkeit verleiht. Frauen indes sieht man meist nur am Sonntag zur Kirche. Ihre volkstümliche Aufmachung besteht typischerweise aus hohen Pelzmützen und Silberketten.

Liebhaber von Volkstänzen kommen in Partenkirchen voll auf ihre Kosten, denn an Sonn- und Feiertagen sieht man auf den großen Plätzen überall Paare zur Musik tanzen. Vorzugsweise den Ländler, einen bei Mädchen und Jungen beliebten gemächlichen Walzer. Die größte Attraktion jedoch ist sogar für die hiesigen Bauern immer wieder der Schuplatterl! [sic!]. Er ist eine höchst ausgefallene Gigue: Wenn ein Paar damit beginnt, bilden andere einen Kreis. Während nun die Tänzerin kurzzeitig von ihrem Partner getrennt wird und weiterhin Walzerschritten folgt, muss der Tänzer zum Takt der Musik eine Reihe schwieriger Bewegungen ausführen. Er dreht sich um die eigene Achse, klopft sich auf Schenkel und Beine, fällt auf die Knie oder springt in die Luft und wirft seinen Hut, während er ein freudiges "Tju-hu" ausstößt. - Schuhplatteln darf nicht jeder, der gerne möchte. Diejenigen, die dürfen und den Tanz beherrschen, werden dafür mir heftigem Applaus angefeuert …“

 

Aus: Marcus Spangenberg / Sacha Wiedenmann (Hrsg.), 1886. Bayern und die Schlösser König Ludwigs aus der Sicht von Hugues Krafft (Regensburg, 2011) S.48 - Für den Hinweis danke ich Franz Wörndle, Archivar des Marktes Garmisch-Partenkirchen

 

© Alois Schwarzmüller 2011

 

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