Heinrich Vogeler, Schneeschuhbataillon und "Maskerln" in Partenkirchen

 

 

Heinrich Vogeler wird am 12. Dezember 1872 in Bremen geboren. Nach dem Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf schließt er sich 1894 der Künstlervereinigung Worpswede an. Ihr gehören neben Vogeler die Maler Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende und Fritz Overbeck an. Auf seinen Reisen nach Dresden und Florenz begegnet er dem Lyriker Rainer Maria Rilke. Das Studium der Werke von Maxim Gorki und Besuche in den Elendsvierteln von Glasgow und Manchester bestärken ihn darin, Partei für die Arbeiter zu ergreifen. Der Kriegsausbruch 1914 veranlasst Vogeler, sich als Kriegsfreiwilliger zu melden. 1915 wird er an die Ostfront berufen und arbeitet dort im Auftrag der Armee als Zeichner. 1918 appelliert Vogeler an den deutschen Kaiser, den Krieg zu beenden. Die Reaktion des Kaisers: Vogeler kommt in eine Irrenanstalt nach Bremen und wird aus der Armee entlassen. Nach der Novemberrevolution gründet Vogeler in seinem Worpsweder Anwesen, dem "Barkenhoff", die erste deutsche Künstlerkommune. 1931 wandert er mit seiner zweiten Frau, Sonja Marchlewska, in die Sowjetunion aus. Stalin lässt ihn 1941 nach Kasachstan deportieren, wo er 1942 stirbt. "In Heinrich Vogelers Werk vollzieht sich die Wandlung eines der führenden Vertreter des Jugendstils mit seiner kostbaren Malkultur und stilisierten Idyllik hin zum Schaffenden und Propagandisten des sozialistischen Realismus."

 

Schneeschuhbataillon in Partenkirchen

In Worpswede humpelte ich schon nach ein paar Tagen aufs Feld, nahm mir als Unterlage einen Sack mit und hackte die Rüben aus. Vierzehn Tage später rückte ich wieder ein. In der Kaserne lauter neue Leute. Ich konnte mich gar nicht an sie gewöhnen. Nur ein junger Kunstgelehrter war geblieben, der erst später zur Ausbildung gekommen war und deshalb mit dem ersten Transport nicht hinaus konnte. In dieser Zeit verlas der Vizewachtmeister einen Befehl, daß aus allen Truppenteilen die Schneeschuhläufer herausgenommen werden sollten zur Bildung eines zweiten Schneeschuhbataillons. Der Kunstgelehrte, ein früherer Holländer, war, ebenso wie ich, Schneeschuhläufer, und wir meldeten uns zusammen für das zweite Bataillon. Nach zwei Tagen schon kam der Abtransport nach München.

Es war um die Weihnachtszeit 1914. Auf der ganzen Fahrt war die Verpflegung noch sehr reichlich. In München wurden wir eingekleidet. Da wir Rekruten ein paar Tage frei hatten, konnte ich noch Clara Rilke besuchen, die hier mit ihrem Kinde eine kleine Wohnung hatte. Das Wiedersehen war freimütig und warm. Sie selbst hatte viel gelitten. Sie verstand offensichtlich, was mich hinaustrieb aus meinem Leben. Wir tauschten unsere Erinnerungen aus, die sich meistens um Paula bewegten.

Das zweite Schneeschuhbataillon wurde nach Partenkirchen abtransportiert. Wir mußten Skikjöring lernen mit der Kavallerie. Nun bestand unser Bataillon nicht nur aus geübten Schneeschuhläufern, sondern auch aus jenen fatalen Elementen, die die Regimenter abzustoßen suchten. Das wurde beim Militär so gemacht, daß der Feldwebel einfach befahl: Morgen in der Schreibstube melden! Du kannst Schneeschuhlaufen. Ich hatte aber meine Freude daran, wie schnell gerade diese Burschen, die noch nie auf den Brettern gestanden hatten, lernten, die Balance ihres Körpers zur Auswirkung kommen zu lassen. Wenn ich vom Exerzieren frei war, besuchte ich einige Plätze, wo ich mit Martha vor Jahren gewesen war. Da gewahrte ich einmal vor einem Hotel einen Schlitten, in dem eine in Pelz gehüllte rothaarige Frau saß. Am Schlitten stand Rainer Maria Rilke. Freudig ging ich auf ihn zu und wollte ihm die Hand reichen. Er aber wandte sich kalt ab und stieg ein. Der Schlitten sauste ab. Offenbar wirkte ich in meinem Feldgrau wie ein Gespenst auf ihn, hatte er doch mit dazu beigetragen, daß mein Leben und meine Arbeit in engen Schranken blieb, in denen auch er mit der Romantik seiner eigenen Träume sich bewegte. Jetzt mag er gefühlt haben, daß ich diese Schranken gesprengt hatte. Bittere Enttäuschung für ihn. Mag auch sein, daß er in mir einen Kriegspatrioten sah. Ich war nicht einmal mehr enttäuscht, als ich den Schlitten in der Ferne der Straße entschwinden sah. Aber in dem Blick, der an einem vorbeisieht, hatte ich plötzlich einen Zug entdeckt, der den Charakter des Menschen von einer neuen Seite zeigt, seine Wesenheit plastischer macht.

  Heinrich Vogeler  

 

  Heinrich Vogeler - um 1897 Heinrich Vogeler - um 1924 Heinrich Vogeler - um 1940  

 

Maskerln in Partenkirchen

Den Winter verbrachten wir einen Monat in Partenkirchen, machten Skitouren. Ich fuhr auf Ski mit unserem Wirt, einem Engländer, nach dem Kreuzeck hinauf, von dort aus auf die großen Abfahrten der Alpspitze. Wir hatten auch durch einen einheimischen Freund Gelegenheit, an den Maskerln teilzunehmen, einer alten Volkssitte. Um die Zeit des Maskerln durfte kein Unmaskierter die Räume der einheimischen Restaurants betreten. Die Räume waren erfüllt von dem unheimlich klingenden Graunzen der Holzmasken, die man sich vorgebunden hatte und hinter denen man seinen Feind, seinen Freund, seine Geliebte suchte, um irgendeine bittere oder frohe Botschaft an den Mann bringen zu können. Unter den Holzmasken, die seit alters her in vielen Partenkirchner Familien vererbt wurden, befind en sich ganz hervorragende Kunstwerke, Charaktere jeder Art mit überzeugender Kraft des Ausdruckes. Die Starrheit des Gelächters, der Wut oder der bittren Trauer wirkt rätselhaft erregend. In Partenkirchen entstanden die ersten Skizzen zu dem Bild »Sehnsucht«, das aber ganz den Worpsweder Charakter trug.

 

Aus:

Heinrich Vogeler, Erinnerungen. Herausgegeben von Erich Weinert (Berlin, o. J.) S. 170/171
Heinrich Vogeler, Werden - Erinnerungen mit Lebenszeugnissen. Aus den Jahren 1923 - 1942 (Berlin, 1989) S. 140/141

 

© Alois Schwarzmüller 2007

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