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Heinrich Vogeler, Schneeschuhbataillon in Partenkirchen |
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In Worpswede humpelte ich schon nach ein paar Tagen aufs Feld, nahm mir als Unterlage einen Sack mit und hackte die Rüben aus. Vierzehn Tage später rückte ich wieder ein. In der Kaserne lauter neue Leute. Ich konnte mich gar nicht an sie gewöhnen. Nur ein junger Kunstgelehrter war geblieben, der erst später zur Ausbildung gekommen war und deshalb mit dem ersten Transport nicht hinaus konnte. In dieser Zeit verlas der Vizewachtmeister einen Befehl, daß aus allen Truppenteilen die Schneeschuhläufer herausgenommen werden sollten zur Bildung eines zweiten Schneeschuhbataillons. Der Kunstgelehrte, ein früherer Holländer, war, ebenso wie ich, Schneeschuhläufer, und wir meldeten uns zusammen für das zweite Bataillon. Nach zwei Tagen schon kam der Abtransport nach München. Es war um die Weihnachtszeit 1914. Auf der ganzen Fahrt war die Verpflegung noch sehr reichlich. In München wurden wir eingekleidet. Da wir Rekruten ein paar Tage frei hatten, konnte ich noch Clara Rilke besuchen, die hier mit ihrem Kinde eine kleine Wohnung hatte. Das Wiedersehen war freimütig und warm. Sie selbst hatte viel gelitten. Sie verstand offensichtlich, was mich hinaustrieb aus meinem Leben. Wir tauschten unsere Erinnerungen aus, die sich meistens um Paula bewegten. Das zweite Schneeschuhbataillon wurde nach Partenkirchen abtransportiert. Wir mußten Skikjöring lernen mit der Kavallerie. Nun bestand unser Bataillon nicht nur aus geübten Schneeschuhläufern, sondern auch aus jenen fatalen Elementen, die die Regimenter abzustoßen suchten. Das wurde beim Militär so gemacht, daß der Feldwebel einfach befahl: Morgen in der Schreibstube melden! Du kannst Schneeschuhlaufen. Ich hatte aber meine Freude daran, wie schnell gerade diese Burschen, die noch nie auf den Brettern gestanden hatten, lernten, die Balance ihres Körpers zur Auswirkung kommen zu lassen. Wenn ich vom Exerzieren frei war, besuchte ich einige Plätze, wo ich mit Martha vor Jahren gewesen war. Da gewahrte ich einmal vor einem Hotel einen Schlitten, in dem eine in Pelz gehüllte rothaarige Frau saß. Am
Schlitten stand Rainer Maria Rilke. Freudig ging ich auf ihn zu und
wollte ihm die Hand reichen. Er aber wandte sich kalt ab und stieg ein.
Der Schlitten sauste ab. Offenbar wirkte ich in meinem Feldgrau wie ein
Gespenst auf ihn, hatte er doch mit dazu beigetragen, daß mein Leben und
meine Arbeit in engen Schranken blieb, in denen auch er mit der Romantik
seiner eigenen Träume sich bewegte. Jetzt mag er gefühlt haben, daß ich
diese Schranken gesprengt hatte. Bittere Enttäuschung für ihn. Mag auch
sein, daß er in mir einen Kriegspatrioten sah. Ich war nicht einmal mehr
enttäuscht, als ich den Schlitten in der Ferne der Straße entschwinden
sah. Aber in dem Blick, der an einem vorbeisieht, hatte ich plötzlich
einen Zug entdeckt, der den Charakter des Menschen von einer neuen Seite
zeigt, seine Wesenheit plastischer macht.
Aus: Heinrich Vogeler, Erinnerungen. Herausgegeben von Erich Weinert (Berlin, o. J.) S. 170/171
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© Alois Schwarzmüller 2007 |
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