Harry Graf Kessler über die "drolligen politischen Ansichten" von Richard und Pauline Strauss

 

 

 

Harry Graf Kessler wurde 1868 in Hamburg geboren und wuchs in Paris, London und in seiner Heimtstadt auf. Nach dem Jurastudium strebte er eine Laufbahn im diplomatischen Dienst an. Sein vom Elternhaus geförderter Kunstsinn - er schuf in Deutschland den Zugang zum französischen Impressionismus - verband ihn mit Schriftstellern und Malern wie Johannes R. Becher, Edvard Munch, Aristide Maillol, Hugo von Hofmannsthal, Detlev von Liliencron und Rainer Maria Rilke. In Weimar leitete er das „Grossherzogliche Museum für Kunst und Kunstgewerbe“ und legte mit der Gründung des „Kunstgewerblichen Seminars“ den Grundstein für das spätere Bauhaus. Im Gespräch mit seinem Freund Hugo von Hofmannsthal entwickelte er Ideen und Szenarien zum „Rosenkavalier“. Hofmannsthal schrieb im Geleitwort des Librettos: „Ich widme diese Komödie dem Grafen Harry Keßler, dessen Mitarbeit sie so viel verdankt. H. H.“

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Kessler erster Gesandter des Deutschen Reiches im neu gegründeten Polen, entwickelte „Richtlinien für einen wahren Völkerbund“ und arbeitete an führender Stelle in der Deutschen Friedensgesellschaft. 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, kehrte Kessler von einer Parisreise nicht mehr nach Deutschland zurück und lebte im französischen Exil bis zu seinem Tod im Jahre 1937 in Lyon.

 

„Berlin. 19. Januar 1926. Dienstag

Mit Max ins Charlottenburger Opernhaus: Premiere hier von Richard Strauß' >Elektra< unter Bruno Walter. Feines, beschwing­tes, stürmisch vorwärtsdringendes Orchester. Die Klytämnestra außerordentlich. Die Wildbrunn etwas rundlich als Elektra.

Hinter uns in einer Loge saß Richard Strauß mit Paulinchen und einer Familie Strauß, bei der sie wohnen. Paulinchen lud uns ein, nach der Vorstellung bei ihnen zu soupieren. Haus ganz draußen an der Heerstraße, in der Nähe des Stadions, wo bis vor kurzem nur Kiefernwald war. Aber offenbar entsteht hier ein äußerster Westen für Autobesitzer.

Paulinchen zeigte sich bei Tisch von allen ihren guten und schlech­ten Seiten: mütterlich um Nahrungsaufnahme aller besorgt, na­mentlich Maxens, der neben ihr saß und dem sie immer wieder ein Ei, ein Stück Fleisch, eine Portion Salat auf den Teller packte; daneben widerwärtig ordinär und taktlos. >Woyzeck< (Büchners Dichtung, nicht die Oper) lehnte sie ab, weil sie sich doch un­möglich für die Seele eines schmutzigen Unteroffiziers inter­essieren könne. Was gehe sie das an (>sie, die Generalstochter<, zwischen den Zeilen zu verstehen)? Ich sagte: Carmen sei doch auch eine Unteroffiziersgeschichte. Pauline: Ja, aber romantisch, spanisch, Merimee. Ich: Mir schiene ein deutscher Unteroffi­zier nicht unbeachtlicher als ein spanischer, und im übrigen stellte ich zum Beispiel auch Gretchen über Maria Stuart. Pau­line (geheimnisvoll flüsternd): Man sagt, der Graf Kessler sei ganz rot geworden. Ich: Ach, ich bin bloß ein biederer Demo­krat. Pauline: Sie, ein Graf, Demokrat? Da beschmutzen Sie Ihr eigenes Nest. Ich: Verzeihen Sie, gnädige Frau, darüber, ob ich mein eigenes Nest beschmutze, muß ich mir selber mein Urteil vorbehalten.

Allmählich war Richard Strauß immer unruhiger geworden. Jetzt brach er in das Gespräch ein, um es zu beenden, erklärte mir, seine Frau sei ganz unpolitisch, ich sollte nicht darauf achten, was sie sagte. Schließlich zog mich Paulinchen selbst, die gemerkt hatte, daß sie über das Ziel hinausgeschossen hatte, und der die scharfe Lektion, die ich ihr erteilt hatte, offenbar etwas in die Glieder gefahren war, ins Herrenzimmer, wo sie mir ihre poli­tischen Ziele des näheren auseinandersetzte: sie sei eine Generals­tochter, Aristokratin (»I bin a Generalstochter, i bin a Aristo­kratin«, in schönstem Oberbayrisch). In Süddeutschland haßten sie die Norddeutschen, die Praißen. Sie wollten ein süddeutsches Reich: Bayern mit Österreich zusammen. Katholisch und Prote­stantisch gehe nicht zusammen in einem Staat.

Sie schien zu erwarten, daß die Genialität ihrer Pläne mich ver­söhnen werde und außerdem die, wie sie versicherte, volle Zu­stimmung ihres Königshauses. Ich sagte: ich sei Norddeutscher, aber trotzdem wünschte ich nicht, daß die Süddeutschen ver­hungerten; und daher hätte ich doch Bedenken gegen ihre Pläne. Zunächst müßten jedenfalls die Vereinigten Staaten von Europa da sein, ehe sich über solche sentimentalen Zusammenschlüsse reden lasse. Auf die europäische Union ging sie dann beglückt ein. Ein ziemlich groteskes Weib; maßlos ordinär mit einem senti­mentalen Herzen. Alles in allem eine Köchin.“

 

„Wien. 14. Juni 1928. Donnerstag

Bei Hofmannsthals in Rodaun gefrühstückt mit Richard Strauss, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter. Das Gespräch kam nicht recht in Fluß, da jeder etwas andres wollte. Strauss äußerte unter andrem seine drolligen politischen Ansichten, Notwendig­keit einer Diktatur usw., die niemand ernst nimmt.

Abends mit Max in der Oper die >Ägyptische Helena<, die zweite Aufführung, gehört. Sehr enttäuscht und gelangweilt. Libretto und Musik gleich schwach und epigonenhaft. Ich bin froh, daß ich mit Hofmannsthal und Strauss nicht darüber zu sprechen brauchte. Das letzte Mal, daß ich Hofmannsthal gesehen habe! [Spätere Eintragung.]“

 


 

Aus: Harry Graf Kessler, Tagebücher 1918-1937 - Herausgegeben von Wolfgang Pfeiffer-Belli (Frankfurt am Main, 1971) S. 449f und S. 563

 

 

© Alois Schwarzmüller 2009

 

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