Hans Krohn, Wieder frei!

 

 

Hans Krohn wohnte in Garmisch-Partenkirchen in der Wilhelm-Gustloff-Str. 4 (heute Ehrwalderstraße) bei seiner nichtjüdischen Stiefmutter Else Krohn. Nach dem Pogrom am 10. November 1938 flüchtete er von Garmisch-Partenkirchen nach Berlin-Wilmersdorf. Am 24. Mai 1945, zwei Wochen nach Kriegsende und drei Wochen nach dem Einmarsch der US-Streitkräfte in Garmisch-Partenkirchen, veröffentlichte er im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt den folgenden Bericht über seine dramatischen Erlebnisse zwischen 1938 und 1945:

 

Wieder frei!

"Der 29. April 1945, der unvergessliche Sonntag, an dem die Amerikaner in Garmisch einzogen, der Tag der endgültigen Wende für unser Kreisgebiet, brachte mir die Befreiung von einem unerträglichen, menschunwürdigen Dasein, zu dem mich die Nazis verdammt hatten. 

Der christlichen Konfession angehörend, doch der Rasse nach Jude, wurde ich im November 1938 mit allen anderen Garmischer jüdischen Bürgern auf die schimpflichste Weise im Zuge der allgemeinen „spontanen" Judenaktion von hier vertrieben. Als Anlass zu dieser Aktion nahm man die Mordtat eines Juden an einem Nazi in der Schweiz!* Man bedenke, ein Jude im Ausland ermordete einen Nazi, dafür mussten alle Juden in Deutschland aufs Schwerste büßen. In der so genannten „Reichskristallwoche" wurden die jüdischen Geschäfte zerstört und geplündert; die jüdischen Gotteshäuser gingen in Flammen auf; den Juden wurde eine gewaltige Geldbuße auferlegt und zahllos waren die Verhaftungen und Verschleppungen in die Konzentrationslager. Das war echte Nazivergeltung! Für einen aus ihrer auserwählten „Herrenrasse" beseitigten Halunken vernichteten sie bedenkenlos Tausende und aber Tausende völlig unbeteiligter, unschuldiger Menschen! Ich kam haarscharf am Konzentrationslager vorbei, denn in den kritischsten Tagen befand ich mich auf der Flucht in die Schweiz, die zwar misslang, mich aber doch vor dem Konzentrationslager bewahrte. Obwohl von der Gestapo verhaftet, in Lörrach 24 Stunden hinter Schloss und Riegel gesetzt, schob man mich doch einfach ab, weil ich eben für die in Baden befindlichen Zweigniederlassungen der himmlerschen Hölle nicht zuständig war. In Schleswig-Holstein, wohin ich zu gottlob arischen Verwandten geflohen war, aber durch einen anzeigewütigen Ortsgruppenleiter an die Gestapo verraten wurde, erging es mir in gleicher Weise. Mit unglaublichem Glück, dem allerdings ein unerschütterliches Gottvertrauen zugrunde lag, blieb ich vor dem Schlimmsten bewahrt und das all die Schreckensjahre hindurch, die zwar eine kaum zu schildernde Nerven- und seelische Kraftprobe waren. Schließlich kam ich nach Berlin in die Zwangsarbeit; ich musste ungewohnte schwerste körperliche Zwangsarbeiten auf dem Lande, im Tiefbau und die letzten zwei Jahre als Metallarbeiter in einem Rüstungsbetrieb leisten. Viel Arbeit und wenig Brot, so lautete die „gerechte" Verteilung für die Juden! Wer zusammenbrach, kam nach Polen und von dort auf schnellstem Weg in den Himmel!

Es war ein rechtes Sklaven-Leben und die Sklaven-Halter waren die grausamsten, die die Menschheitsgeschichte zu verzeichnen hatte. Solange man den Juden für kriegsnotwendige Arbeiten brauchte, ließ man ihn wohl im Lande, drangsalierte ihn seelisch aber mit den raffiniertesten Foltermethoden; vom Judenstern angefangen, der zwangsweise getragen werden musste, um den Juden nach außen hin für jeden zu kennzeichnen und um ihn dem Spott und der Verachtung jeden Hanswurstes und hysterischen Frauenzimmers preiszugeben, wofür dann die schändlichste Lügenpropaganda gegen die Juden unter dem ewig gleichen Motte „Die Juden sind schuld!" schon das ihre beitrug, bis zur herzlosen Zerreißung der Familien, indem man die nicht arbeitsfähigen Frauen und Kinder von den männlichen Familienmitgliedern trennte, um sie nach dem Willen des „herrlichen Führers aller Deutschen" nach Polen zwecks baldigster Ausrottung zu verschleppen.

Wer diese von Not und Höllenpein geschwängerte Luft nicht geatmet hat, kann nicht ermessen, was es bedeutete, im Dritten Reich ein Jude zu sein. Es gab nichts als Gefahren, an allen Ecken drohte das Gespenst der Gestapo; wer wusste, ob nicht wieder irgendwo in einem europäischen Lande ein Nazi sein längst verwirktes Leben lassen musste, dann konnte man unter Umständen schon vom Fabriktor aus seine Reise ins Konzentrationslager antreten oder man wurde auf dem Nachhauseweg vom Gestapoagenten gefasst, mit vielen anderen per Lastwagen nach Oranienburg oder sonst wohin verschleppt, wo dann oft noch am gleichen Abend die Maschinengewehre ihre blutige Ernte hielten.

So war es, als an Heydrich von bis aufs Blut gepeinigten und aufs äußerste provozierten Tschechen das gerechte Todesurteil vollstreckt wurde; tausende Juden, die von dieser Tat nicht einmal Kenntnis hatten, wurden aus diesem Anlass hingemordet; andere ließ man in so genannten Todeslagern verschmachten. Ein Kommandant dieser berüchtigten Lager, in denen auch ein guter Freund von mir durch die Heydrich-Aktion sein Leben verlor, hat den bezeichnenden Satz geprägt: „Aus meinem Lager kommt jeder wieder heraus – durch den Schornstein!" So war es in der Tat.

Das Leben des zwangsarbeitenden Juden gleicht einer unheilbaren, qualvollen Krankheit und verzehrte seine Kräfte mehr und mehr, so dass er bald nur seinem Schatten glich; wurde er von der Gestapo erfasst, und dieses Los traf früher oder später ausnahmslos jeden Juden, so trat die unheilvolle tödliche Krisis ein. Und diese Krisis drohte auch mir, als im Januar 1943 in meiner Fabrik die Juden durch zwangsverschleppte Fremdarbeiter allgemein abgelöst wurden. Allermeist nachts fuhren die großen Wagen der Gestapo, oft Möbelwagen, durch die Straßen Berlins und sammelten die Juden aus den Betten heraus für die nun täglich erfolgenden Transporte nach Polen. In diesen Nächten gab es keinen Schlaf mehr, ständig lag man auf der Lauer, schrak bei jedem Geräusch zusammen; erzitterte vor jedem festen Schritt auf der Treppe; die Frauen und Kinder weinten; viele Familien nahmen sich das Leben; doch allen blieb die ständig aufsteigende Frage unbeantwortet: „Was haben wir verbrochen, dass man uns so unmenschlich quält und verfolgt?!" Zwei Tage, bevor ich zum Transport abgeholt werden sollte, (ich erfuhr dies später auf Umwegen) flüchtete ich in der Nacht aus meiner Behausung und verbarg mich zunächst bei einer arischen Bekannten, dann fuhr ich mit Personenzügen, wegen der ständigen polizeilichen Kontrollen konnte ich D-Züge nicht benutzen, nach München, wo mich arische Freunde acht Monate lang aufnahmen. Von München ging es dann, Gott verzeihe mir meine Frechheit, zurück nach Garmisch in die kleine Drei-Zimmer-Wohnung meiner Angehörigen, die genau gegenüber von dem Hause des ehemaligen Ortsgruppenleiters liegt!** 1 1/2 Jahre lebte ich hier völlig unbemerkt, kein Mensch wusste etwas von meiner Existenz, noch von meinem Hiersein. Im Vertrauen darauf, dass die Verbrecherherrschaft der Nazis mit Riesenschritten ihrem Ende entgegengeht, hatte ich es gewagt, mich hier in Garmisch zu verstecken; doch dauerte die Zeit bis zu meiner Befreiung noch länger, als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich gingen hier die Aufregungen weiter, die seelische Belastung war fast noch stärker als zuvor; ich wusste nicht, ob etwa von Berlin Nachforschungen nach meinem Verbleib angestellt würden; was sollte geschehen, wenn ich erkrankte? Tatsächlich bekam ich am Weihnachtsfest schlimme Zahnschmerzen, die mit keinem Mittel mehr zu betäuben waren. Ich konnte weder schlafen, noch Nahrung zu mir nehmen! Was nun? Einen Zahnarzt hier im Ort ins Vertrauen zu ziehen, wagten wir nicht; in höchster Not bewegten meine Münchner Freunde einen Zahnarzt aus München, mir zu helfen. Ich werde ihnen und dem Arzt ihre Liebestat in meinem ganzen Leben nicht vergessen.

Es war ein unwirkliches, nahezu geisterhaftes Leben, das ich gezwungen war, diese 1 ½ Jahre zu führen; denn das Bewusstsein, dass im Falle einer Entdeckung meines Versteckes meine liebevollen, fürsorgenden Angehörigen mit mir am Galgen enden würden, ließ mich übervorsichtig sein. Ich sprach nur im Flüsterton, ging auf Strümpfen, unterdrückte jeden Hustenreiz, hielt mich in respektvoller Entfernung von den Fenstern; sobald es klingelte, verschwand ich hinter einem Rolltuch zwischen Wand und Küchenschrank, und erst am 30. April ging ich zum ersten Mal nach 18 Monaten wieder aus dem Haus mit etwas schwankenden Beinen, aber doch wie ein Mensch, der zum zweiten Mal, nun aber bewusst, das Licht der Welt erblickt.

Von Herzen dankbar bin ich meinen Angehörigen und Freunden, die unter Einsatz ihres Lebens mir das meine bewahrten. Die Millionen unschuldiger Opfer, die die Naziungeheuer forderten, verlangen eine gerechte Sühne, eine Bestrafung der mehr als Schuldigen. Unter den Opfern befinden sich auch meine Schwester und mein Bruder; in ihrem Namen erhebe ich Anklage wider ihre Mörder!"

* Krohn verwechselt hier die Ermordung von Wilhelm Gustloff - Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz - in Februar 1936 in Davos mit dem antijüdischen Pogrom ("Reichskristallnacht") am 9./10. November 1938 im Deutschen Reich. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und andere führende Nationalsozialisten nahmen die Ermordung des deutschen Gesandten vom Rath in Paris zum Anlass für die Vertreibung, Ausplünderung und Ermordung zahlloser jüdischer Bürger in Deutschland.

**Engelbert Freudling, Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Kramer in Garmisch, wohnte in der Wilhelm-Gustloff-Straße 9.

 

Biographische Informationen zu Hans Kron

 

 

© Alois Schwarzmüller 2006

 

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