Erich Kästner und Garmisch-Partenkirchen

 

 

 

Erich Kästner (1899-1974) hat mit seinen kleinen Heldinnen und Helden, mit Pünktchen und Anton, mit Lotte und Luise, mit Emil und den Detektiven aus Kindern Leseratten und aus Erwachsenen Kinder gemacht. Sein "Fabian" ist ein todunglücklicher "Moralist auf verlorenem Posten", Erich Kästner - Quelle - Paulae, 11.3.2009, cropped from file Kästner-Passage.JPGder dem Unglück der anderen nicht tatenlos zusehen kann. In Doktor Erich Kästners "Lyrischer Hausapotheke" findet Rat und Trost, wer mit sich selber und anderen hadert. Die "Ansprache zum Schulbeginn" müsste noch heute jedem Schulkind vorgelesen werden - und jedem Lehrer.

Satire war sein Mittel zur Verbesserung der Welt - ein "Weltverbesserer" war er nicht. Aber ein mutiger Mann. Zweimal haben ihn die Nationalsozialisten verhaftet, bei der Verbrennung seiner Bücher im Mai 1933 in Berlin war er Augen- und Ohrenzeuge. Bis zum Untergang der Diktatur durfte er nichts mehr veröffentlichen.

Nach Krieg und Diktatur lebte er in München. Garmisch-Partenkirchen hat er geliebt: In seiner autobiographischen Erzählung "Als ich ein kleiner Junge war" stellte er es in eine Reihe mit den Metropolen der Welt: "Ich war schon in Kopenhagen und Stockholm, in Moskau und Petersburg, in Paris und London, in Wien und Genf, in Edinburgh und Nizza, in Prag und Venedig, in Dublin und Amsterdam, in Radebeul und Lugano, in Belfast und in Garmisch-Partenkirchen."  Im "Doppelten Lottchen" wandern Luise und Lotte und Frau Körner von Garmisch nach Grainau und vergnügen sich am Eibsee. Und in der Erzählung "Zwei Schüler sind verschwunden" nehmen die beiden Internatszöglinge Ulrich und Matthias  Reißaus, schlagen sich auf eigene Faust zu den olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen durch und erleben ein packendes Eishockeyspiel zwischen England und Kanada. Die Ballade "Maskenball im Hochgebirge" ist eine kleine Zugabe - Ähnlichkeiten mit Garmisch-Partenkirchen, seinen Gästen, dem Gebirge und dem Verkehrsverein sind nicht beabsichtigt, sondern rein zufällig.

 

Olympisches Eishockey 1936 - "England gegen Kanada"

„... Matthias und Uli saßen anfangs völlig verzaubert in den beiden Sesseln und konnten während der ersten Minuten vor lauter Glück überhaupt nichts erkennen. Uli vergaß sogar, daß ihn fror. Vor ihnen auf der von schwarzen Menschenmassen umgebenen Eis­fläche jagten die Hockeyspieler auf Schlittschuhen hin und her und schwangen die gebogenen Schlaghölzer. Zwei Spieler prallten ge­geneinander. Der eine fiel um und blieb regungslos liegen. Man trug ihn weg. Ein Ersatzmann sprang ein. Der Kampf tobte weiter. Die kleine schwarze Hartgummischeibe sauste übers Eis. Manch­mal flog sie hoch durch die Luft. Die Spieler rasten gebückt hinter­drein. Es war ein herrlicher Tumult. Man versäumte beinahe das Atemholen…

Auch Uli war hingerissen. Das Klirren und Knirschen der Schlittschuhe, das Gegeneinanderprallen der Stöcke, das wirbelnde Auf und Ab des Kampfes, die spannenden Momente vor den To­ren, die stürzenden und sich wieder erhebenden Spieler - das alles war so wunderbar, daß die zwei Jungen auf ihren vornehmen Plät­zen nicht wußten, wo ihnen vor lauter Wonne der Kopf stand. Manchmal, wenn der Puck, die kleine schwarze Scheibe, gegen eins der Tore schnellte, warf sich der Tormann darüber. Die Verteidiger und die heranbrausenden Gegner prallten zusammen und stürzten. Der Torhüter schleuderte den Puck in die Mitte der Eisfläche zurück. Die Spieler erhoben sich hastig und flitzten hinter ihm her wie die wilde Jagd. Das Publikum fieberte. Der Lärm drang bis in die fernen Berge und kam als Echo wieder. Trotz aller Aufregungen und Mühen verlief das zweite Drittel torlos. Noch immer stand das Spiel 1:1. Und auch das dritte und letzte Drittel schien ohne ent­scheidenden Erfolg verlaufen zu wollen.

„Dann kommt eine Verlängerung", erklärte Matthias. „Unent­schieden gibt's nicht!"

„Fein!" rief Uli. Er hatte knallrote Backen und rutschte in sei­nem Sessel hin und her, als säße er auf einer glühenden Herdplatte. Die Zeiger der Stadionuhr bewegten sich unaufhaltsam. Und der erbitterte Kampf tobte immer weiter.

„Wie in der Ilias", behauptete Matthias. „Uli, mein Engländer macht einen Durchbruch!" Er sprang vor Erregung auf.

Doch der Durchbruch mißlang. Ein Kanadier schob Matthias' Engländer gegen die Bande, daß es nur so krachte. Beide schlugen lang hin. Beide sprangen wieder auf, schwangen ihre Hölzer und rasten davon.

„In einer Minute ist das dritte Drittel zu Ende", sagte Matz hei­ser.

„Dann kommt die Verlängerung?"

„Ja."

„Und wenn's auch dann unentschieden bleibt?"

„Dann gibt's noch eine Verlängerung."

„Oje", meinte Uli. „Das kann ja lange dauern!"

In diesem Augenblick schoß einer der Engländer die Scheibe mit voller Wucht gegen das kanadische Tor. Der Torwächter hielt den Schuß. Die Scheibe sprang ins Feld zurück. Matzens Engländer erwischte sie, holte mit dem Schläger aus und knallte die Scheibe ins gegnerische Tor. Drin war sie!

2:1 für England! „Hurra!" brüllte Matz. Doch er hörte seine eigene Stimme nicht mehr. Der Lärm, der jetzt ausbrach, war un­beschreiblich. Er glich am ehesten einer Dynamit-Explosion. Die Kanadier, die unschlagbaren Weltmeister im Eishockey, waren be­siegt worden. England hatte sie geschlagen..."

Aus: Erich Kästner, Das Schwein beim Friseur und andere Geschichten: Zwei Schüler sind verschwunden (Zürich 1962) S. 88ff

 

„Als ob der liebe Gott bloß mal so hingespuckt hätte"

„… Das wurde ein Wochenende - wie lauter Himbeeren mit Schlagsahne! Von Garmisch wanderten sie über Grainau an den Baadersee. Dann an den Eibsee. Mit Mundharmonika und lautem Gesang. Dann ging's durch hohe Wälder bergab. Über Stock und Stein. Walderd­beeren fanden sie. Und schöne, geheimnisvolle Blumen. Lilienhaften Türkenbund und vielblütigen lilafarbenen Enzian. Und Moos mit kleinen spitzen Helmen auf dem Kopf. Und winzige Alpenveilchen, die so süß dufteten, daß man's gar nicht fassen konnte!

Abends gerieten sie in ein Dorf namens Gries. Dort nahmen sie ein Zimmer mit einem Bett. Und als sie, in der Gaststube aus dem Rucksack futternd, mächtig geabendbrotet hatten, schliefen sie zusammen in dem Bett! Draußen auf den Wiesen geigten die Grillen eine kleine Nachtmusik…

Am Sonntagmorgen zogen sie weiter. Nach Ehrwald. Und Lermoos. Die Zugspitze glänzte silberweiß. Die Bauern kamen in ihren Trachten aus der Kirche. Kühe standen auf der Dorfstraße, als hielten sie einen Kaffee­klatsch.

Übers Törl ging's dann. Das war ein Gekraxel, sakra, sakra! Neben einer Pferdeweide, inmitten Millionen von Wiesenblumen, gab's gekochte Eier und Käsebrote. Und als Nachtisch einen kleinen Mittagsschlaf im Grase.

Später stiegen sie zwischen Himbeersträuchern und gaukelnden Schmetterlingen zum Eibsee hinunter. Kuh­glocken läuteten den Nachmittag ein. Die Zugspitzbahn sahen sie in den Himmel kriechen. Der See lag winzig im Talkessel.

„Als ob der liebe Gott bloß mal so hingespuckt hätte", sagte Luise versonnen.

Im Eibsee wurde natürlich gebadet. Auf der Hotel­terrasse spendierte Mutti Kaffee und Kuchen. Und dann wurde es höchste Zeit, nach Garmisch zurückzumarschieren.

Vergnügt und braungebrannt saßen sie im Zug. Und der nette  Herr gegenüber wollte  unter gar keinen Umständen glauben, daß das junge Mädchen neben Luise die Mutti und noch dazu eine berufstätige Frau sei.

Zu Hause fielen sie wie die Plumpsäcke in ihre Betten. Das letzte, was das Kind sagte, war: „Mutti, heute war es so schön - so schön wie nichts auf der Welt!"

Die Mutti lag noch eine Weile wach. Soviel leicht erreichbares Glück hatte sie bis jetzt ihrem kleinen Mädchen vorenthalten! Nun, es war noch nicht zu spät. Noch ließ sich alles nachholen!

Dann schlief auch Frau Körner ein. Auf ihrem Gesicht träumte ein Lächeln. Es huschte über ihre Wangen wie der Wind über den Eibsee…“

Aus: Erich Kästner, Das doppelte Lottchen (Hamburg 1985) S. 100ff

 

Maskenball im Hochgebirge

 

Eines schönen Abends wurden alle
Gäste des Hotels verrückt, und sie
rannten schlagerbrüllend aus der Halle
in die Dunkelheit und fuhren Ski.

Und sie sausten über weiße Hänge.
Und der Vollmond wurde förmlich fahl.
Und er zog sich staunend in die Länge.
So etwas sah er zum ersten Mal.

Manche Frauen trugen nichts als Flitter
Andre Frauen waren in Trikots.
Ein Fabrikdirektor kam als Ritter.
Und der Helm war ihm zwei Kopf zu groß.

Sieben Rehe starben auf der Stelle.
Diese armen Tiere traf der Schlag.
Möglich, daß es an der Jazzkapelle -
denn auch die war mitgefahren - lag.

Die Umgebung glich gefrornen Betten.
Auf die Abendkleider fiel der Reif.
Zähne klapperten wie Kastagnetten.
Frau von Cottas Brüste wurden steif.

Das Gebirge machte böse Miene.
Das Gebirge wollte seine Ruh.
Und mit einer mittleren Lawine
deckte es die blöde Bande zu.

Dieser Vorgang ist ganz leicht erklärlich.
Der Natur riß einfach die Geduld.
Andre Gründe gibt es hierfür schwerlich.
Den Verkehrsverein trifft keine Schuld.

Man begrub die kalten Herrn und Damen.
Und auch etwas Gutes war dabei:
Für die Gäste, die am Mittwoch kamen,
wurden endlich ein paar Zimmer frei.

 
 

Aus: Erich Kästner, Gedichte (Frankfurt a.M. 1995) S.250f

 

 

© Alois Schwarzmüller 2010erich_kaestner_eibsee.htm

 

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